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7. Juli 2019

Rausfliegen für den Klimawaddel

Mit dem Flugzeug in den Urlaub - das ist mittlerweile Normalität. Doch das Fliegen hat den Ruf als Klimasünde. Zu Recht, sagt Nachhaltigkeits- und Klimaexperte Felix Ekardt. Für ihn sind die ständigen Fernreisen sowieso nur eine oberflächliche Art, die Welt zu erkunden. Wir sollten das lieber auf andere Weise tun, rät er.

n-tv.de: Herr Ekardt, Sie sind ein Gegner von Flugreisen - aus Gründen des Klimaschutzes. Dabei beträgt der Anteil des Luftverkehrs am weltweiten Treibhausgas-Ausstoß geraden mal zwei Prozent. Warum ist dann gerade das Fliegen so schlimm?
Felix Ekardt: Zu den Emissionen gibt es zum einen unterschiedliche Berechnungen. Zum anderen nimmt das Fliegen stark zu. Das Pariser Klimaabkommen verpflichtet uns, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür brauchen wir weltweit null Emissionen in rund zwei Jahrzehnten. Im Bereich des Fliegens gibt es momentan jedoch keine Alternative zu fossilen Brennstoffen. Wir müssen uns daher vom Fliegen verabschieden.


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Felix Ekardt ist Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin sowie Professor an der Uni Rostock. Foto: privat
Wenn man nicht mehr fliegen soll, was machen wir mit den Freunden in Malaysia? Sind Reisen dorthin dann für uns gestorben? Oder wenn die Tochter ein halbjähriges Praktikum in Übersee macht, soll man sie nicht besuchen, um das Klima zu schonen?
Die Tochter mal ein halbes Jahr nicht zu sehen, mag traurig sein, aber man wird es überleben. Früher hat man Kinder verabschiedet und das ganze Leben nicht mehr gesehen. Wichtig ist aber auch der Blick auf die Folgen: Würde man im Ernst einem Menschen auf einer Pazifikinsel, die aufgrund der globalen Erwärmung gerade untergeht, oder Menschen in Afrika, die bald keine Nahrungsmittelversorgung mehr haben, sagen wollen, tut mir leid, aber ich musste meine Freunde in Malaysia besuchen?

Sich um die Probleme von Menschen auf einer Pazifikinsel zu sorgen, setzt doch gerade ein globales Denken und Wissen von anderen Ländern und Kulturen voraus. Und gerade Flugreisen ermöglichen es uns doch, diese kennenzulernen …
Ich habe 1994 drei Monate in Israel gearbeitet und würde nicht sagen, dass ich Israel deswegen kenne. Erst recht lernt man ein Land nicht in zwei Wochen als Urlauber kennen. Wir machen uns da häufig etwas vor. Statistisch haben die, die die Welt am besten kennen, heute ökologisch oft den größten Fußabdruck. Und wir wissen aus der Verhaltensforschung: Wissen und Bewusstsein beeinflussen unser Verhalten relativ wenig.



Das globale Zusammenwachsen aller Menschen ist also Ihrer Meinung nach nicht unmittelbar damit verknüpft, dass man sich begegnet? Ist das nicht sehr wichtig?
Natürlich. Aber das geschieht häufig auf einer sehr oberflächlichen Ebene. Bei den typischen internationalen Reisen begegnet man Mitgliedern der gleichen globalen Konsumentenklasse, zu der man selbst gehört.

Sollte man dann nicht eher seinen Fokus vor Ort anders wählen als die Art der Anreise?
Man kann ja ruhig zweimal im Leben eine Weltreise machen. Das geht aber auch auf dem Boden. Dann lernt man wirklich mal das Land kennen und reist nicht zu diesen attraktiven Urlaubsgebieten mit Palmenstränden, sondern fährt halt mal mit der transsibirischen Eisenbahn und lernt die GUS-Staaten kennen. Es ist doch paradox: Die typischen europäischen Urlauber kennen zum Beispiel Osteuropa kaum. Dabei gibt es dort wunderbare Städte. Oder noch verschärfter: Die meisten Menschen kennen ihren Nachbarn nicht mal richtig. Man kann zwei Straßen weitergehen und trifft Menschen in völlig anderen Lebensverhältnissen. Das interessiert einen überhaupt nicht.


Wenn Osteuropa so interessant ist - was glauben Sie, ist der Grund für die Beliebtheit von Fernreisen? Warum fliegen wir lieber nach Bali, als mit dem Zug nach Budapest zu fahren?
Menschen folgen Normalitätsvorstellungen. Sie machen das, was die anderen auch machen. Und wenn die ganzen Facebook-Freunde Fotos von Fernreisen posten, dann denkt man, das Ganze wäre erstrebenswert. Wir blenden auch massiv die Unannehmlichkeiten von Fernreisen aus, weil wir uns Illusionen hingeben. Wir blenden aus, dass das Wetter unangenehm heiß ist, die staubigen Hochhäuserschluchten von Bangkok anstrengen sind, das Hotel langweilig ist, dass wir uns vielleicht in Gefahr begeben oder dass wir unverträgliche Sachen essen.

Verschiedene Organisationen bieten den Kauf von sogenannten CO2-Kompensationen an - für den Ausstoß von CO2 zahlt man eine Summe, mit der Projekte zur Vermeidung von CO2 vor allem in Entwicklungsländern finanziert werden. Damit wäre eine Flugreise ohne schlechtes Gewissen doch möglich?
Das Kaufen von Kompensationen ist eher keine Lösung. Wir müssen aufgrund des Pariser Klimaabkommens zu Nullemissionen kommen. Aber auch mit null fossilen Brennstoffen bei Strom, Wärme, Mobilität, Kunststoffen und Dünger werden ja noch Treibhausgasemissionen entstehen - wir wollen ja nicht verhungern und selbst wenn wir alle Veganer werden, entstehen diese - und bereits die müssen wir später noch kompensieren. Etwa durch Aufforstungen oder der Wiedervernässungen von Mooren, die viele Klimagase binden können. Raum, um Luxus-Emissionen wie das Fliegen zu kompensieren, haben wir schlicht nicht.

Der neue Airbus-Chef Guillaume Faury hat kürzlich das Ziel ausgegeben, in Zukunft emissionsfreie Flugzeuge bauen zu wollen. Biotreibstoffe, Wasserstoff oder synthetische Treibstoffe sollen es richten. Was glauben Sie, können wir in ein paar Jahren wieder guten Gewissens fliegen?
Biotreibstoffe sind eher nicht die Lösung - die haben teilweise einen größeren ökologischen Fußabdruck als die fossilen Brennstoffe. Wenn, dann muss man Wind- oder Solarstrom in eine flüssige oder gasförmige Form bringen, um damit zu fliegen. Das ist heute bereits technisch möglich, aber sehr teuer. In absehbarer Zeit wird es günstiger werden, aber wahrscheinlich nicht so günstig, dass so gedankenlos wie heute geflogen werden kann. Billiger für uns als Gesellschaft ist es wegen der vermiedenen Klimawandelschäden aber sehr wohl.

Mit Felix Ekardt sprach Kai Stoppel (n-tv)